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Der Lottoschein

Müde und ausgetrocknet fährt Sam durch die Strassen, sein klappriges Auto macht allerlei Geräusche, jeder der das Auto sieht, meint, es falle jeden Moment auseinander. Der Rost hat sich überall festgesetzt, an manchen Orten sogar durchgefressen, Beulen und Brüche prägen den alten Karren von Sam. Tja, hätte Sam Geld, würde er ein neues kaufen, doch genau das ist es, was ihm fehlt – Geld. Man sieht es ihm auch selbst an, sein Anzug ist überall abgescheuert und bestimmt an die zwanzig Jahre alt, die Schuhe an die tausend Mal frisch poliert...
Besorgt fährt Sam dahin, er weiss nicht mehr ein noch aus, zu Hause warten fünf Kinder, seine Frau, ein Hund, diverse Katzen und einige andere grössere Nutztiere Tiere, denn Sam ist eigentlich Bauer. Doch vor fünfzehn Jahren nahm er einen Job bei einer grossen Firma an, die Einnahmen mit dem Hof waren zu wenig, die Schulden wuchsen, um den Hof zu behalten sah er nur eine Möglichkeit, er musste für eine Firma arbeiten gehen und den Hof nebenbei führen. Bis vor zwei Jahren ging es gut, aber dann verlor die Firma an der Börse ihren Halt, sie hatte Bilanzen gefälscht, innert Sekunden kam der Börsencrash, die Aktien fielen ins Bodenlose, 15'000 Mitarbeiter wurden entlassen, darunter auch Sam. Er bot zwar an, für weniger Lohn zu arbeiten, schliesslich brauche er den Job, doch die Firma weigerte sich, es gäbe keine extra Wurst!
Was weiss Sam schon von Aktien, eigentlich gar nichts, er ist froh, wenn er Geld verdienen kann, er liebt es mit den Händen zu arbeiten, von Finanzen versteht er überhaupt nichts. So hat er auch eine menge Schulden angehäuft, viele Sachen mussten ersetzt und neu gekauft werden, ein grosser Hof kostet sehr viel Geld, nur mit den Einnahmen hapert es immer noch, Sam ist auch nicht gut im Verhandeln!
Seit fast zwei Jahren ist er nun arbeitslos, nicht das er nichts zu tun hätte, im Gegenteil, er schuftet bestimmt zwölf Stunden täglich auf seinem Hof, viele Dinge blieben ungemacht liegen, das meiste konnte er in den zwei Jahren nachholen. Dafür hat er viel Geld gebraucht, er nahm eine Hypothek nach der anderen auf, die Gläubiger sind ihm immer im Nacken. Stets versteckt sich Sam, wenn es an der Türe läutet, er denkt der Gerichtsvollzieher kommt, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist, die Pfändung seines Hofs steht unmittelbar bevor!
Jetzt ist er auf dem Weg zur Bank, er möchte noch einmal Kredit beantragen, er hofft inständig darauf, wenn sie ihm den Hof wegnehmen, wohin sollte er mit seiner Familie gehen? Er hat zwei Jahre lang versucht einen neuen Job zu bekommen, er hätte alles gemacht, doch mit einer Bauernausbildung liess sich nichts neues finden, und von der Sozialhilfe will er nicht angewiesen sein. Er weiss, wie es ist Sozialhilfeempfänger zu sein, er hat schliesslich vielen Menschen geholfen, die am Rande des Zusammenbruchs waren. Sam war schon immer ein gutmütiger Kerl, leider nutzten das immer wieder welche aus, was Sams Lage noch verschlechterte.
Bald kommt Sam in das Bankenviertel, da sieht er einen Kiosk, sein Durst ist unerträglich, er ist nervös und zappelig, warum nicht schnell eine Limonade kaufen, das beruhigt ihn bestimmt.
Kurzentschlossen hält Sam vor dem Kiosk an, eine ältere Kioskfrau und zwei Kunden stehen um den Stand herum, Sam steigt aus und ordert eine Limonade, irgendeine, er will einfach seinen Durst loswerden, Alkohol trinkt er eh nicht so gerne, und ausserdem ist er ihm zu teuer, seine Familie geht ihm vor!
Die Kioskfrau lächelt ihn freundlich an, gibt ihm eine Dose Limonade und meint:
„Wie wär’s, sie sehen aus, als ob sie Glück gebrauchen könnten, möchten sie nicht einen Lottoschein kaufen?“
Er sieht die Frau fragend an.
„Einen Lottoschein? Ich gewinne eh nichts, glauben sie mir, das Glück hat sich schon lange von mir abgewendet, noch ein, zwei Wochen und kann meiner Familie nicht mal mehr ein Dach zum Schlafen anbieten...“
Sie lächelt nun noch freundlicher.
„Sehen sie, das Glückbarometer muss demnach hoch oben für sie stehen, denn irgendwen hört jedes Pech auf und ich weiss bestimmt, dass dieser spezielle Lottoschein Glück bringt!“
Sie hält ihm einen Schein unter die Nase, er sieht ihn sich an.
„Was muss ich damit machen?“
„Kreuzen sie Zahlen an, dabei müssen sie auf ihr Herz hören, damit sie die richtigen Zahlen erwischen!“
„Na gut, wenn sie meinen...“
Die Kioskfrau hilft ihm den Schein auszufüllen, eine solche Herzensfreundlichkeit hat Sam schon lange nicht mehr gespürt, ausser natürlich bei seiner Familie. Mit seinem letzten Resten Geld bezahlt er den Lottoschein und die Limonade, den Schein steckt er in die Hosentasche, die Limonade würgt er in einem Zug in seinen Magen hinunter. So gestärkt fährt er weiter zur Bank, wie gewohnt geht er zum Herr mit der Hornbrille, dieser ist der „Kredithai“! Der Kreditberater gibt Sam die Hand, dann setzen sich beide...
Die Verhandlungen für einen neuen Kredit gehen kaum zehn Minuten, der Herr mit den nach hinten gekämmten Haaren sagt sehr schnell, was er von einem neuen Kredit hält.
„Sehen sie Herr Meyer, sie haben schon sechs Kredite laufen, drei Hypotheken am Hals und in zwei Wochen wird ihr Hof versteigert. Sie haben kein bisschen Sicherheit mehr, ihnen gehört im Prinzip nicht mal mehr das Hemd, dass sie tragen! Es tut mir leid, aber ich muss ihnen einen negativen Bescheid geben...“
„Was soll ich jetzt machen, meine Familie kann doch nicht unter der Brücke schlafen, der Hof die Tiere...“
„Sie können Sozialhilfe anfordern, doch den Hof werden sie so oder so verlieren! Tut mir, wie gesagt, leid!“
Der „Kredithai“ steht auf, er will das Gespräch beenden, schliesslich ist Zeit Geld, und Geld verdienen liegt in seinem Credo. Höfflich aber bestimmend verabschiedet er Sam, dieser ist völlig am Boden zerstört. Gebückt geht Sam zu seinem verlotterten Wagen, er setzt sich hinein und lehnt über das abgewetzte Steuerrad. Eine Träne läuft ihm über die Wange, schnell holt er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, er will nicht, dass ihn andere weinen sehen, beschämt wischt er die Träne weg, dabei fällt der Lottoschein in seinen Schoss. Wütend betrachtet er den Schein.
„Oh ja, das glück ist mir hold, hab ich gesehen – alles ist fertig, total fertig, Scheiss Glück!!“
Zornig wirft er den Lottoschein aus dem Autofenster, er kann ihn nicht mehr ansehen, seine Gedanken werden immer finsterer, er sieht keine Zukunft mehr, doch noch immer wartet seine Familie zu Hause, er muss ihnen die traurige Wahrheit sagen!
Der Lottoschein bleibt zerkrümmt auf der Strasse liegen, während Sam mit seinem Auto davon fährt.
Ein Ehepaar, das einen kleinen Hund an der Leine führt, laufen am zusammengeknäulten Lottoschein vorbei, spielend schnappt sich der Hund den Schein, er beisst ein wenig darauf ein, dann trägt er ihn einfach mit sich, wie es Hund halt so haben. Das Ehepaar marschiert in den nahen Park, sie wollen dem Hund seinen Auslauf gönnen.
Kaum angekommen, lassen sie ihn von der Leine, der Hund rennt über das Gras, wirft dabei immer wieder den Lottoschein von sich, um ihn wieder zu schnappen. Bis ihm das Spiel zu bunt wird, gelangweilt lässt der kleine Hund den zerkrümmten Schein liegen. Nun liegt er da, zerknittert, ein wenig verbissen und feucht, das niedrige Gras lässt ihn schön oben auf liegen. Da fängt plötzlich ein zügiger Wind an zu wehen, der Schein hebt ab, er fliegt in die Luft, in den blauen Himmel hinein, bis er an einem Baum hängen bleibt. Dort entdeckt ihn ein Singvogel, der gerade beim Nestbau ist, der Vogel nimmt den „Ballen“ zwischen seinen Schnabel, nervös fliegt der kleine Kerl los, er weiss, in der Nähe ist ein Bussard, und genau, von oben taucht ein langer Schatten auf, der Bussard hat es auf den kleinen Singvögel abgesehen, rasch versucht der auszuweichen, doch das „Baumaterial“ wiegt zu schwer, er lässt es fallen. Wieder fällt der zusammengeknüllte Lottoschein hinunter, unterdessen geben sich die Vögel eine wilde Verfolgungsjagd, wobei der kleinere Vogel den kürzeren zieht...
Der Lottoschein hingegen tänzelt ein wenig im Wind, dann fällt er schnurstracks gegen den Boden zu, genau in eine offene Schultasche hinein, die ein junges Mädchen vor sich liegen hat. Das Mädchen ist mit seinen Freundinnen vor den Eisstand, zu gerne würde sie sich ein Eis kaufen, doch sie hat kein Geld! Ihr Vater kann es sich nicht leisten, ihr Taschengeld zu geben, auch ihre vier Geschwister bekommen kein Taschengeld, sie müssen sich alles selber verdienen, mit Zeitungen vertragen, oder ähnlichen Jobs, die Kinder ausüben können. Doch vielmals geben sie ihr sauer verdientes Geld der Mutter, damit sie Notwendigkeiten einkaufen kann. So bleibt den Kindern nur ihre eigene Fantasy, Spielsachen müssen sie selber machen, ausgehen liegt auch nicht drin, ein Jahrmarktbesuch wäre ein Traum!
Das junge Mädchen sieht auf die Kirchenuhr, die alle Häuser überragend, ein paar Strassen weiter steht.
„Ich muss nach Hause, Mama wartet bestimmt schon...“
Die Freundinnen verabschieden sich, das Mädchen rennt nach Hause, sie wohnt weit draussen auf einem Bauernhof, sie muss fast eine Stunde rennen, bis sie daheim ist. Völlig ausser Atem legt sie ihre Schulsachen auf den Tisch, normalerweise kann sie gemütlich gehen, doch sie hat die Zeit vergessen, dadurch musste sie pressieren. Der Nachttisch ist bereits gedeckt, allerlei Gemüse steht zum Essen bereit, auf jedem Teller liegt ein Maiskolben, Fleisch kann sich die Familie nicht leisten.
Nun fährt auch der Vater vor dem Haus vor, lange ist er noch in der Gegend herum gefahren, die vielen Geldsorgen überwältigen ihn. Der Vater steigt aus seinem klapprigen Auto und setzt sich an den Nachttisch, Sam Meyer ist der Vater des jungen Mädchens!
„Ich muss euch etwas sagen, wir verlieren den Hof und unser gesamtes Habe, ich habe keinen Kredit mehr bekommen...wir sind am Ende!“
Seine Frau beginnt zu schluchzen, sie umarmt ihn, die Kinder sehen betrübt zum Boden, keiner hat mehr Hunger, ihnen ist der Appetit vergangen. Wie versteinert setzen sie sich alle vor den Fernseher, sie wollen nicht darüber reden, mögen aber auch nicht alleine sein, und um etwas gemeinsam zu unternehmen, dafür sind sie zu traurig, doch fernsehen ist jetzt genau richtig, es lenkt ab, auch wenn das Bild alles andere als gut ist, „Schnee“ und alle möglichen farbigen Flecken bedecken das Bild. Der Vater stellt die Nachrichten ein, sie sehen sich an, was in der Welt passiert, für einen kurzen Augenblick können sie vergessen, was ihnen blüht. Die Nachrichten senden auch die Zahlen vom Lotto, es heisst, der grösste Gewinn seit allen Zeiten sei gezogen worden - 150 Millionen! Kurz erscheinen die Zahlen auf dem Schirm, Sam lächelt ein wenig.
„Ein Lottogewinn wäre schön, doch wir haben kein Glück, niemand wird uns mehr helfen, dabei habe ich immer allen gegeben, aber in der Not ist keiner mehr da...“
In der Nachrichtenzusammenfassung erscheinen die Lottozahlen erneut, aber dieses Mal länger, da blickt Sam genauer hin, er kann es kaum glauben.
„Das...das...das, nein, ich habe ihn weggeworfen, ich dachte, wir gewinnen nichts, der Lottoschein, er – ich habe ihn aus dem Fenster geworfen!“
Seine Frau sieht ihn verstört an, sie weiss nicht, was er meint.
„Was für einen Lottoschein? Was meinst du, Sam?“
„Ich habe heute Morgen einen Lottoschein ausgefüllt, das sind meine Zahlen! Sie haben meine Zahlen gezogen!!“
„Du meinst, die Millionen? Aber, das kann nicht sein, du kannst bestimmt nicht am Morgen ausfüllen und abends gewinnen?“
Der ältere Sohn widerspricht.
„Nein, das geht schon, der Schein wird elektronisch übermittelt, so kann man den ganzen Tag noch spielen!“
Entgeistert und starr blickt Sam seine Familie an.
„Ich habe ihn aus dem Fenster geworfen, ich dachte, es sei nur Blödsinn...“
Nun schämt sich Sam doppelt und dreifach, der Schein hätte seine Familie retten können, für sein Gefühl hat er seine Familie mehr als nur enttäuscht! Keiner sagt etwas, sie wissen auch nicht, was sie dazu sagen sollten, sie lieben ihren Vater und respektieren ihn, mit seinen Fehlern! Nur die einte Tochter meint:
„Ich geh meine Hausaufgaben machen, sonst wird es zu spät!“
Sie geht aus dem Wohnzimmer, nach fünf Minuten kommt sie kreischend zurück, die Familie blickt sie verwundert an, das Mädchen kann kaum sprechen, von draussen bellt der Hund, Hühner gackern und Kühe muhen um die Wette.
Sam steht auf, blickt sie an.
„Was ist, hast du dich verletzt?“
„Nein, ich hab ihn gefunden!“
„Was hast du gefunden?“
„Den Lottoschein!“
„Das ist unmöglich, ich habe ihn vor der Bank auf die Strasse geworfen! Oder warst du in der Stadt?“
„Ne, nur vor der Eisdiele, aber trotzdem, in meiner Schultasche war er, da steht dein Name!“
Sie gibt ihm den lädierten Schein, die Zahlen und der Name sind deutlich zu erkennen, Sam reisst seine Augen weit auf. Die anderen Familienmitglieder springen auf, sie wollen den Schein unbedingt sehen, die Meyers können ihr Glück kaum fassen – 150 Millionen!
Am nächsten Tag fährt Sam nochmals am Kiosk vorbei, er will der Kioskfrau danken, doch der Stand liegt zwar an der selben Stelle, aber seine Gestelle und das andere Inventar sind völlig vermodert, der Kiosk sieht aus, als wurde er schon lange nicht mehr betrieben.
Fassungslos steht Sam vor dem verlotterten Stand, er kann sich das nicht erklären. Ein älterer Mann läuft vorbei, er sieht Sam komisch an.
„Suchen sie etwas?“
„Wo ist der Kiosk hingekommen? Ich habe hier gestern einen Lottoschein gekauft!“
Der ältere Mann schüttelt den Kopf.
„Das kann kaum sein, guter Mann, der Stand ist seit fast zwanzig Jahren am zerfallen.“
„Das kann nicht sein, hier stand die Kioskfrau mit ihrem roten Bändchen im Haar.“
Der alte Mann öffnet erstaunt seinen Mund.
„Das stimmt, sie hatte immer ein rotes Band im Haar, waren sie früher schon hier?“
„Nein, wenn ich sage gestern...“
„Vor zwanzig Jahren wurde der Kiosk überfallen, wahrscheinlich von so einem Drogensüchtigen, sie haben ihn nie erwischt, aber die Kioskfrau und zwei Passanten wurden erschossen, als der Räuber durchdrehte. Seit damals will keiner mehr den Kiosk betreiben, es heisst, es spuke hier...bis das der Mörder gefasst sei!“
Noch lange bleibt Sam vor dem vergammelten Kiosk stehen, er weiss immer noch nicht, was er davon halten soll. Noch am gleichen Tag erscheinen Leute von der Lottogesellschaft, es stimmt alles mit dem Lottoschein, die Meyers werden reich, endlich können sie sich Ferien leisten und die Schulden bezahlen und stets haben sie eine offene Tür für Bedürftige, was nicht selten der Fall ist.
Manchmal schlägt das Schicksal hart zu, doch ebenso kann das Glück hereinschneien!


© Stefan Daniel Pfund 29.06.2002

 

(Die Geschichte ist frei erfunden)

         

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